Spielplan Vorwort des Intendanten

Statt eines Vorwortes:

Die Stadt, die mitspielt

von Magnus Reitschuster

Nach dem Stück „Buschbrüder oder Die Heimkehr“ steht wiederum ein Beitrag des Apollo-Theaters zur Geschichte und Gegenwart dieser Stadt auf dem Spielplan: die Uraufführung des Romans „Große Liebe“ von Navid Kermani, dessen Handlung in Siegen angesiedelt ist, genauer gesagt in der alternativen Friedensbewegungs- Szene der achtziger Jahre rund um die Tiergartenstraße und die Evangelische Studentengemeinde.

Der politische Intellektuelle Navid Kermani ist in allen Medien wahrzunehmen, insbesondere seit er im Oktober des letzten Jahres den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen und erneut eine wegweisende Rede gehalten hat. Er gilt vielen als der bedeutendste öffentliche Intellektuelle seit Grass und Habermas, allerdings ohne deren Gestus des rechthabenden „Gewissens der Nation“. In diesen Zeiten der Bürgerkriege und Fluchtbewegungen, wo die Not der Welt in dieses Land hineindrängt, in Zeiten des erregten Diskurses um das Eigene und das Fremde, wo nationalpopulistische Abschottungs-Rhetorik Wähler mobilisiert, vermag Kermani die richtigen Fragen zu stellen und das Gemeinsame zu beschreiben, ohne die Differenzen zu übertünchen. Der Dichter, der er auch und eigentlich ist, droht jedoch hinter dem omnipräsenten politischen Intellektuellen aus dem Blick zu verschwinden.

Zweimal war er im Jahr 2015 im Theater seiner Geburtsstadt: Im Januar 2015 hat er aus „Große Liebe“ gelesen, im November aus seinem „Bestseller“ „Ungläubiges Staunen“. Beide Male sollte das Werk im Zentrum der Diskussion stehen, beide Male erzwangen die politischen Bedrohungen (die Terroranschläge auf „Charlie Hebdo“ im Januar und die Pariser Attentate im November), die wenige Tage vor den Lesungen stattfanden, eine gesellschaftspolitische Diskussion.

Mit der Übertragung von „Große Liebe“ auf die Bühne gilt es der Kunst. Und es geht um das, was das Politische in seinen Ursprüngen meint: das auf die Polis Bezogene, das Nachdenken über die eigene Stadt und ihre Menschen. Und natürlich geht es um die Liebe, die erste Liebe, die närrische Liebe, die scheiternde Liebe, die vernichtende Liebe: um die große Liebe also. Und wir begegnen nach Romeo und Julia einem neuen klassischen Liebespaar: Leila und Madschnun aus der persischen Literatur.

Neben Rubens, dem hier ein Preis gewidmet und sozusagen ein Gegenwartsmuseum gebaut wurde, und den großen Musikern, Nazi-Gegnern und Emigranten Fritz und Adolf Busch, die nicht zuletzt durch das Theater hier politisch wieder beheimatet wurden, haben wir mit Kermani nun „nichthabend“ einen Mann des Wortes. War die Geburt von Rubens in Siegen ein historischer Zufall, so sind die Busch-Brüder logische Konsequenz dieser in der Musik verankerten Region. Hier, wo die Sprache dieses Landes das Schweigen ist, bedurfte es allerdings der Einwanderung aus der persischen Kultur, um die Schönheit des Deutschen so zum Ausdruck zu bringen wie Kermani es vermag.

Dieses Theater, das 2007 nach 50 Jahren Kampf und Krampf, eröffnet wurde, hat sich als Ort der geistigen und kulturellen Identität im Herzen der Stadt positioniert. Dieser „identitäre“ Ansatz, dem auch das Rückwärtsgewandte, das Henner-und-Friederhafte innewohnt, muss nun in die Realität und die Zukunft des Interkulturellen hinausgedacht werden. In diesem Sinn soll die Uraufführung von „Große Liebe“ der zerklüfteten Stadtgesellschaft etwas neues Gemeinsames zu geben. Ein Gemeinsames, in dem die Differenz, das Andersartige, das Fremde wahrgenommen wird als substanzieller Teil des Ganzen.